Russland-Reise 1995                                                                                              

 

Im April 1995 brechen 3 junge Schweizer auf in eine Abenteuerreise nach Russland.

 

Karte von Russland

 

Auf unserer Reise begleitet Stefan ein Audi 100 1800ccm, Markus ein Ford Escort 1600ccm und Steff ein Nissan Micra 900ccm.

 

 

Hintergrund unserer Reise ist ein humanitärer Transport von Auto's und Hilfsgüter für eine christliche Vereinigung. Der Escort und der Micra wurden von uns gesponsert und der Audi sollte uns wieder nach Hause bringen.

Beladen mit Hilfsgüter und Ersatzmaterial brachen wir auf in die unendlichen Weiten Russlands. Wir starten in Wetzikon (Schweiz) und fahren durch Deutschland nach Berlin. Auf der Autobahn passiert schon die erste Anekdote: Der Micra (nicht mit Leistung gesegnet) ist endlich in Schwung, es geht bergab und die Tachonadel zeigt 130km/h an. Doch es ist auf 100km/h begrenzt, die Polizei in zivil fischt mich heraus und macht mich "freundlich" auf den Verstoss aufmerksam. Die Hosen gestrichen voll, mit einem blauen Augen davongekommen kann weiter gehen. Nach einem kurzen Stadttrip in Berlin übernachten wir in Frankfurt an der Oder.

 

 

Unsere Untersätze werden aufgetankt und es geht's durch Polen Richtung Warschau. Da die Kriminalität sehr hoch sei, sind wir sehr zielstrebig unterwegs. Doch schon kurz nach der Grenze werden wir beim Geldwechseln über den Tisch gezogen (Greenhörner halt...). Der Schaden hielt sich in Grenzen und so geht es zügig wir weiter. Bei einer Rast unweit der Hauptstrasse wollen wir gemütlich ausruhen und picknicken. Doch wir befinden uns auf einer Deponie, da wird einfach alles entsorgt vom Auto, Waschmaschine bis zu Tieren...

 

Wer sind da die "Hohlköpfe"?

 

An der polnisch-russischen Grenze erwarten uns unsere russischen Kollegen, die uns von da an begleiten werden. Obwohl wir alle Visum, humanitäre Hilfspapiere und Ausweise dabei haben, müssen im halbstundentakt Zigaretten, Dollars oder Süssigkeiten verteilt werden. Die kleinen Schweizer verstehen die Welt nicht mehr. Zu Hause geht alles geregelt zu und her und hier steht man Stunden und wird zunehmend ärmer. Auch entgingen wir knapp einem Handgemenge mit der polischen "Mafia", die den ganzen Tag in der Autoschlange stehen und ihren Platz verkaufen wollen. Nachdem wir das Angebot ausschlugen werden sie aggressiv, doch die Russen helfen uns aus der Patsche. Durch sieben Zölle betreten wir erstmals russischen Boden. In einem Städtchen unweit der Grenze besuchen wir Freunde von "unseren" Russen. Das Essen ist gewöhnungsbedürftig und ich darf das "feudale" WC (Plumsklo) der Russen kennen lernen. Nun gut, ich werde mich an vieles gewöhnen, doch ein "richtiges" WC ist schon ein herrlicher Ort...

Uns zieht es weiter gen Moskau. Über Minsk kommen fahren wir auf der "Autobahn" (bei uns eine breite, schlechte Hauptstrasse) in einen Vorort von Moskau. Auf den Highways ist man selten alleine, ausser den wenigen Auto und Lastwagen gibt es eine Vielfalt an Tieren: Pferde, Esel, Kühe oder ganze Schafherden.

Wiederum bei Freunden können wir unsere Fahrzeuge in einen gesicherten, eingezäunten Platz stellen und übernachten in einem Schulhaus. Mit der Bahn werden wir ins Stadtzentrum chauffiert und besuchen die Sehenswürdigkeiten.

 

 

Ausgeruht es es südlich weiter. Wir werden von der Polizei aufgehalten und zu einem Alkoholtest aufgefordert. Das geht folgendermassen: Ein A4-Blatt wird zu einem Trichter geformt, durch diesen wird gepustet und auf der anderen Seite hält der Beamte die Nase in die Briese. Tja, es ist halt alles etwas anders...

Alles ~20km gibt es "GAI"-Stationen, dass sind Kontrollposten der Polizei und muss langsam durchfahren. Doch mit unseren Nummernschildern fallen wir auf und werden regelmässig angehalten. So darf auch hier freundlich Geschenke gemacht werden. Es geht hier wirklich nichts ohne diese Aufmerksamkeiten. Einen schweizer Pass hat hier eh noch niemand gesehen und alle waren wahnsinnig scharf auf unsere "komischen" Zigaretten. Doch unsere russischen Reisebegleiter regeln alles, ich frage mich wie wir das alleine gemeistert hätten.

Benzin zu bekommen ist auch sehr speziell, denn es gibt praktisch keine Tankstellen, sondern nur privatisierte Tanklastwagen der Armee, die so durchsichtige, wässrige Ware verkaufen. Unsere Motoren quitieren dies mit einem "Nagelkontest", jedoch hatten wir bis dato keine nennenswerten Probleme mit den Wagen.

Bei Zaoskij besuchen wir ein Internat mit einer Gärtnerei. Die Studenten wohnen hier in grossen Röhren und sind sehr kommunikativ.

 

 

Kurz nach einem Grenzübergang, an dem ich fast erfroren bin, da wir praktisch kein Benzin mehr hatten und fast die ganze Nacht warten mussten, fuhr ich auf der Off-Road-Verdächtigen Strasse in ein Loch - der Reifen platt!

Die Autowerkstätten gleichen auch eher einem kleinen Schrottplatz, aber für die Ladas gibt es hier alles (wenn dies auch nicht viel ist). Im Improvisieren sind die Russen Weltmeister!

 

 

Auf dieser Strecke von Moskau nach Rostov-na-Donu wird mir die enorme weite des Landes bewusst. Wir sind auf einem kleinen Stück von Russland unterwegs und es will nicht enden. Nach Tagen kommen wir in Rostov an und übergeben den Escort an einer Familie. Wir werden überall herzlich aufgenommen und das ganze Dorf wird versammelt, um die Schweizer kennen zu lernen. Ich ging mit der Vorstellung nach Russland, das Bild im Kopf von den alten Frauen mit Kopftücher die Kartoffeln verkaufen. Tatsächlich gibt es dies noch, aber die Frauen sind meist sehr gut gekleidet und so herausgeputzt, dass man sich in einem Hollywood-Streifen fühlt.

 

 

Einige Kilometer südlich von Rostov-na-Donu kommen wir in Labinsk, dem zu Hause unserer Reisebegleiter, an und können uns von der langen Fahrt ausruhen. Wir verständigen uns mit Jury (unserem Helfer und Freund) auf deutsch und sein Sohn spricht englisch. So wird dauernd übersetzt und mit der Jungmannschaft dürfen wir am Dorfleben teilhaben. Am ersten Abend wird sofort ein Fest organisiert und wir bekommen den selbst gebrannten Wodka zu kosten. Überigens sind die  russischen Zigaretten ohne Filter sind so stark, dass es unmöglich ist, für uns, diese zu rauchen. Die Russen sind wirklich hart gesottene Typen, im Gegensatz zu mir. Nach nur wenig des Kartoffelsaftes musste ich die Füsse strecken. Wir besuchten fleissig viele Familien im Dorf und Umgebung und wir wurden richtig gemästet. Das Essen ist vorzüglich! Noch einmal sei die Herzlichkeit erwähnt, mit der wir aufgenommen wurden. Die Leute haben fast nichts, aber es wird trotzdem alles geteilt - die Gastfreundschaft wird gross geschrieben.

 

 

Ein Stromausfall von Täglich mehreren Minuten bis Stunden ist an der Tagesordnung. Die Tankgewohnheiten habe ich auch nicht ganz verstanden, es wird täglich nur 5 Liter Benzin getankt (obwohl die Versorgung auch nie sichergestellt ist). Egal, mit dem Renault R5 erleben wir die unbefestigten Dorfstrassen und das Auge hat sich mit der Zeit schon wie ein Radar eingestellt um die Löcher ausfindig zu machen. Und auf diesen Strassen unternehmen wir einen Ausflug ins Kaukasusgebirge und kommen bis an die Grenze, wo uns das Militär zurückweist. Unser Visum ist hier nicht mehr gültig, aber wir kommen gut durch die Kontrollen. Zu dieser Zeit ist der Krieg in Tschertschenien ? noch in vollem Gange. Wir erleben eine wunderschöne Natur, die überall noch unberührt ist, wo die Menschen keinen Abfall hinterlassen haben. Hier laufen Schweine, Esel und Schafe frei herum und der Schulbus überquert auf seinem Weg einen Bach. Hier scheint die Zeit still gestanden zu sein.

 

    

Auch hier können wir bei Freunden übernachten und wollen nun die Berge verlassen und das schwarze Meer besuchen. Die Gegend ist wundenschön, alles ist grün es gibt noch viel Wald und sogar Palmen säumen den Weg. Auch die Polizei ist wieder da, ich überhole in einem Überholverbot über eine Sicherheitslinie - uah! Auf das Gröbste gefasst kostet mich das Vergehen gerade mal sFr. 2.50 - uff, Glück gehabt.

Wir geniessen das "Mittelmeerklima" und bummeln durch den Markt von Soci. Alles ist (für uns) billig und Markus lässt sich für ein Trinkgeld eine neue Brille anfertigen. Man könnte meinen sich in einer französischen Hafenstadt zu befinden, nur das saftige Grün in Hintergrund rundet das Bild hier besser ab. Ein Paradies, unglaublich ist hier die Vorstellung vom alten Mütterchen am kalten Strassenrand, hier blüht das Leben.

 

 

Wieder zurück bei unserer Gastfamilie in Labinsk lassen wir den Micra bei der Familie zurück und machen uns auf den langen Rückweg. Um schneller zu Hause zu sein, beschiessen wir durch die Ukraine zu fahren. Jedoch nach dem dritten Zoll (nachdem schon wieder ein Teil unseres Visums fehlt) schickt der Zöllner uns zurück, da das Visum hier nicht gültig sei. Gut, dann nehmen wir halt die gleiche Route wie wir gekommen sind. An der russisch-polnischen Grenze verlässt uns unser treuer Reisebegleiter und macht sich mit dem Zug auf seinen Heimweg. Da uns ein Stück im Visum fehlte, wollte der polnische Beamte uns nicht passieren lassen. Super, nun sitzen wir wieder Stunden herum, ohne Pass und Visum. Hmm, wir könnten ihm doch was anbieten, doch er winkt ab, erst nach unnötiger Wartezeit und mit 50DM lässt er sich überreden. Andere Länder, andere Sitten. Nach 10'000km, weiteren Bussen und Reifenpannen in Polen, kommen wir nach unserer einmonatigen Reise glücklich an der schweizer Grenze an. Die Freude wird arg gedämpft, als wir das ganze Auto ausräumen müssen. Pfefferspray und Radarwarmgerät werden konfisziert. Bei uns müssen keine Geschenke oder Geld entbehrt, auch nicht Stunden - oder Tagelang gewartet werden, doch das Kleinkarierte der Schweizer geht auch auf die Nerven.

 

 

Es war eine sehr eindrückliche, lange Reise und wir hatten einen kleinen Einblick in eine andere Kultur. Im Vergleich zu Reisen auf den westlichen Kontinenten ging es tiefer und schöne Beziehungen wurden aufgebaut. 

 

Steff